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Alinda_biplicata
Alinda_biplicata
   
  Weichtier des Jahres 2010
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Die Schließmundschnecke Alinda biplicata (MONTAGU 1803)

 
   
Die turmförmigen Gehäuse der etwa 1-2 cm langen Schließmundschnecken der Familie Clausiliidae begegnen den meisten Naturfreunden regelmäßig. Mit ihrer langgestreckten Gehäuseform haben sich die Tiere daran angepasst, sich in engen Spalten verstecken zu können. Sie bewohnen zum Beispiel Felsen und alte Mauern, Bäume sowie Totholz in der Bodenstreu. Viele Arten klettern gerne. Die heimischen Arten leben häufiger an feuchteren Standorten, vor allem in Südeuropa gibt es zahlreiche Arten, die auch trockene Felsen besiedeln.
   
Der obere Teil der Rippen ist oft etwas weißlich abgesetzt. Der Weichkörper der Tiere ist meist hell gelblichgrau, die Augenfühler und der Rücken sind etwas dunkler.
Fünfclausilien Mündungen
Innerhalb der Familie der Schließmundschnecken werden die Arten zumeist nach Detailstrukturen des Gehäuses unterschieden. Oft sind innen und am Rand der Gehäuseöffnung spezielle Falten vorhanden, die zur Bestimmung verwendet werden können. Tief in der Mündungsöffnung (bei den heimischen Arten innerhalb des letzten Umganges) befindet sich das oben schon erwähnte Verschluss-System (Clausiliar) aus Falten und Verschlussklappe (Clausilium), das der Familie ihren Namen gegeben hat, den deutschen ebenso wie den wissenschaftlichen (Clausiliidae) oder englischen (door snails). Das Clausilium ist mit einem elastischen Stiel an der Spindel, der inneren Gehäuseachse, befestigt.
  Ungewöhnlich unter den Mollusken ist die Windungsrichtung der Schließmund-
schnecken. Im Gegensatz zu den meisten anderen Schnecken sind sie links-
gewunden (sinistral), das heißt, das Gehäuse dreht sich, von der Spitze beginnend, gegen den Uhrzeigersinn, die Mündung liegt links von der Gehäuseachse.

Die heimischen Schließmundschnecken sind alle links gewunden, von ihnen gibt es (ähnlich wie bei den üblicher weise rechtsgewundenen anderen Schnecken) nur äußerst selten verkehrt gewundene Exemplare, die z.B. bei der Weinbergschnecke als „Schneckenkönig“ bezeichnet werden.

Die Gemeine Schließmundschnecke bewohnt schattige und feuchte Lebensräume. Sie ist wie die meisten Schneckenarten bei Wärme und Feuchtigkeit aktiv. Bei uns lebt sie in Wäldern (sie klettert z.B. an Stämmen) und vor allem auch an Felsen und Mauern. Sie bevorzugt Standorte mit kalkhaltigem Boden. Die Tiere ernähren sich von Algen, Bakterienrasen, Pilzen (auch Großpilzen) und den verschiedensten welken oder faulenden Pflanzenteilen, frische Blätter werden weniger gerne aufgenommen (eine der wenigen Pflanzen, die auch frisch gefressen werden, ist z.B. die Kohldistel).
  
 

Gemeine Schließmundschnecken sind Zwitter. Bei den bisher beobachteten Paarungen gab allerdings nur jeweils der eine Partner ein fadenförmiges Samenpaket (Spermatophore ohne Hülle) ab, das vom anderen dann aufgenommen wurde. Zu Beginn der Paarung setzt sich ein Tier auf den letzten Gehäuseumgang des Partners und berührt dessen Vorderkörper mit der linken Seite seines Kopfes. Daraufhin dreht der Partner sein rechtes Vorderende mit der Geschlechtsöffnung nach oben und stülpt einen Teil der weiblichen Geschlechtsorgane nach außen (das sogenannte Atrium und den äußeren Teil der Vagina). Der obere Partner führt daraufhin zur Übergabe der Spermatophore seinen Penis dort ein. Danach beendet einer der Partner die Kopulation durch das einige Minuten bis etwa eine halbe Stunde dauernde Zurückziehen der Geschlechtsorgane. Die gesamte Kopulation dauert meist etwa eineinhalb Stunden.

 
Viele Schließmundschnecken, unter ihnen auch Alinda biplicata, legen keine Eier, sondern gebären lebende Junge, nur in seltenen Ausnahmefällen werden weit entwickelte Eier kurz vor dem Schlupf abgelegt. Normalerweise werden Jungschnecken mit einem Gehäuse von zweieinhalb Umgängen bei 1,3-1,8 mm Höhe und 0,9 mm Breite geboren. Dieses Embryonalgehäuse ist noch ganz glatt, erst danach bildet das Tier die charakteristischen Gehäuserippen aus. Von einem Elterntier werden jeweils zwischen einem und elf Junge geboren. Die Fortpflanzungsperiode umfasst das gesamte Sommerhalbjahr bis in den Oktober. Die Jungschnecken wachsen recht schnell, zwei bis drei Tage bleiben sie am Erdboden, danach klettern sie bereits nach oben.
Fünfclausilien Mündungen

Junge und halbwüchsige Schließmundschnecken haben ein spitz-kegeliges Gehäuse und werden deshalb von Laien oft nicht als zu dieser Familie gehörend erkannt. Bei normaler Entwicklung hat das Tier nach acht bis zehn Monaten seine endgültige Gehäusehöhe erreicht, bildet den verdickten Mündungsrand und vor allem den Verschlussapparat aus, ist fortpflanzungsfähig und wächst nicht mehr weiter. Allerdings ist die Entwicklung individuell etwas unterschiedlich, unter besonders günstigen Laborbedingungen wurden Tiere schon mit viereinhalb Monaten erwachsen. Gemeine Schließmundschnecken können mehrere Jahre leben.

Die Gemeine Schließmundschnecke ist noch recht häufig, einige andere Arten der Familie sind bei uns sehr selten und im Bestand bedroht. Als Spaltenbewohner besiedeln diese Tiere einige sehr gefährdete Biotope, wie alte Mauern, isolierte Felsen und Totholz. Auch im Garten können wir diesen interessanten kleinen Schnecken Lebensraum und Schutz bieten, wenn wir nicht jede Ritze der alten Gartenmauern neu vermörteln oder in schattigen Gartenecken einige Steine oder etwas altes Holz liegen lassen. Neben den Schließmundschnecken werden viele andere Tierarten diese Verstecke nutzen und den Garten ökologisch wertvoller machen.